Deutschgrundkurse als Publikum der großartigen Woyzeck-Inszenierung in der Schauspielschule Siegburg

Als wir – die Deutsch-Grundkurse von Frau Hölzle und Frau Kühlwetter – am Freitag, 24. März , direkt nach der Englischklausur, in den Bus stiegen, drehte sich noch so manches Gespräch um den Brexit. Los ging es dann zur Studiobühne Siegburg. Auf dem Programm stand ein echter Klassiker der deutschen Literatur: Georg Büchners Drama Woyzeck. Das Besondere an diesem Stück ist, dass der Verfasser noch vor der Vollendung verstarb und es deswegen aus “Fragmenten”, die Büchner geschrieben hatte, zusammengepuzzelt worden ist.
Kurz zur Handlung: Der Protagonist Woyzeck ist arm und hat ein uneheliches Kind mit seiner Geliebten Marie. Woyzeck gibt sich große Mühe, seine Familie zu versorgen, doch Marie wagt einen Seitensprung mit dem Tambourmajor, der alles verkörpert, was Woyzeck nicht hat: Reichtum, hohes Ansehen, gutes Aussehen und Stärke. Aufgrund seiner niedrigen Stellung in der Gesellschaft wird Woyzeck diskriminiert und misshandelt, psychisch und physisch Stück für Stück zerstört. Als er dann noch von Maries Untreue erfährt, fasst er einen Entschluss: Er bringt seine ehemalige Geliebte um.

Da die Reihenfolge, in der die Szenen heute stehen, von Büchners Vertrauten und Fachleuten festgelegt wurde, könnte es sein, dass Georg Büchner das Stück ganz anders geplant hatte. Dieses Problem löst die Regisseurin Sarah Kortmann sehr geschickt: Zu Beginn wird der Mord an Marie gespielt und die folgenden Szenen erklären in einer Rückblende, wie es zu dem Mord kam. Die Reihenfolge der Szenen wird zufällig ausgesucht: Vor Beginn des Stückes erhalten zwölf Zuschauer jeweils zwei Umschläge: Einen mit einer Nummer und einen, der den Namen einer Szene enthält. Nach dem Ende jeder Szene wird die nächste Zahl eingeblendet und der entsprechende Zuschauer ruft den Namen “seiner” Szene. So entsteht bei jeder Aufführung eine andere Reihenfolge der Szenen. Eine unkonventionelle Idee, die auch die Aufmerksamkeit der Zuschauer fördert.

Mir persönlich hat die Inszenierung sehr gut gefallen. Zum einen mochte ich die Nähe des Publikums zur Bühne, die charakteristisch für die Studiobühne ist. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um eine Bühne im Studio, das heißt, dass der Raum eigentlich nur aus der Bühne besteht und die Stühle für die Besucher außen herumstehen. Der Raum ist komplett schwarz und meistens gibt es kein Bühnenbild. Die benötigten Requisiten und Kostüme lagern auf oder neben der Bühne und die Schauspieler ziehen sie in den kurzen Pausen zwischen den Szenen über ihre neutrale Kleidung. Zum anderen hat die Regisseurin die literarische Vorlage sehr ansprechend umgesetzt und obwohl der gesprochene Text exakt übernommen wurde, verstanden wir die szenische Darstellung deutlich besser als das gedruckte Werk, das wir im Moment im Deutschunterricht behandeln. Und so ergaben sich neue Verständnismöglichkeiten und Interpretationsansätze, die in der nächsten Klausur sicherlich hilfreich sein werden…
Nicht zuletzt war die Leistung der Schauspieler einfach herausragend. Sie spielten, sangen und tanzten so professionell und überzeugend, dass man zeitweise vergaß, dass alles nur gespielt war und sich von der Handlung gefangen nehmen ließ. Und eins beeindruckte uns alle ganz besonders: Der Hauptdarsteller (übrigens der Einzige, der im Verlauf des Stückes nicht in andere Rollen schlüpfte) aß in einer Szene fünf (!) Dosen kalte Erbsen und das auch noch in Rekordgeschwindigkeit! Schon das Beobachten der Szene erregte bei vielen Schülerinnen und Schülern ein Ekelgefühl und alle fragten sich, wie eine solche Leistung möglich ist. Zum Glück hatten wir im Anschluss an die Aufführung die Gelegenheit, diese und andere Fragen zu stellen. Die nüchterne Antwort auf die Frage, wie man so viele Erbsen essen könne: “Schlucken.”
Als wir gegen halb vier wieder in Bad Godesberg waren, konnten wir auf eine abwechlungsreiche Exkursion zurückblicken, bei der jeder und jede neue Eindrücke gewinnen konnte. Herzlichen Dank an unsere Lehrerinnen Frau Kühlwetter und Frau Hölzle für die Organisation und an André Resem für die Aufnahmen!
Johanna Hindert, Q1
Fotos: Schauspielschule Siegburg 2017, André Resem