
Ist der David Michelangelos nur eine ’schöne Lüge‘ im Vergleich zur Maman? Bei erstmaliger Sichtung von Michelangelos Werk dachte ich, so muss Kunst sein: Perfekt. Stark. Irgendwie übermenschlich. Alles wirkt harmonisch, der Körper ist ideal geformt und strahlt Selbstbewusstsein aus. Ganz anders kann es den Betrachtern der riesigen Spinne Maman von Louise Bourgeois ergehen. Sie ist nicht schön im klassischen Sinn, sondern eher unheimlich, zerbrechlich und zugleich bedrohlich. Genau dieser Gegensatz zeigt, wie sehr sich Kunst über die Jahrhunderte hinweg verändert hat. In der Renaissance, also zur Zeit Michelangelos, stand der Mensch im Mittelpunkt. Künstler wollten zeigen, wie perfekt der menschliche Körper sein kann. David ist dafür ein typisches Beispiel: Die Figur wirkt ruhig, kontrolliert und stark. Alles an ihm ist idealisiert: Muskeln, Haltung, Ausdruck. Es geht nicht um die Realität, sondern um ein Vorbild, fast wie in einem Traum davon, wie der Mensch sein sollte.
Bei Louise Bourgeois ist das anders. Ihre Skulptur Maman zeigt eine riesige Spinne aus Marmor, Bronze und Stahl. Spinnen verbinden viele von uns mit Angst und Ekel. Bourgeois wollte damit auch ihre eigene Mutter darstellen: beschützend, aber fragil. Die langen dünnen Beine instabil, als könnte sie jederzeit zusammenbrechen. Im Gegensatz zu David geht es hier nicht um Perfektion, sondern um Gefühl, Erinnerungen und Unsicherheiten.


